Das hast du mir nie gesagt

Es war ein Tag wie jeder andere auch, bis es dann aus dem Hörer klang: „Hallo Martin, hier ist Anneliese!“
Ach so, dachte er, meine Klassenkameradin aus längst vergangenen Tagen meiner Grundschulzeit.
„Schön von dir zu hören“, antwortete er und freute sich über diesen unverhofften Anruf.
„Wir wollen ein Klassentreffen veranstalten“, kam sie schnell auf den Punkt. Und genau so schnell fügte sie hinzu: „Machst du mit? Würdest du kommen?“
Na toll, Klassentreffen. Bussi hier, Bussi dort, hallo, alter Junge. Wie recht sie haben, graue Haare, dicker Bauch, Tränensäcke und sieh, was aus uns geworden ist. Wer warst denn du? Wer bist denn du? Alles, was ich so nicht sehr gern absolviere.
„Das sind eigentlich nicht meine Veranstaltungen“, erwiderte er.
„Protest“, rief Anneliese, „das kannst du nicht machen!“
Aber dann erinnerte er sich: Da war doch meine Julia.
Die Meine war sie sicher nie. Aber sie war es, die, einst vor … schnell nachgerechnet, vor genau 51 Jahren mein Herz berührte.
Jene Julia, neben der er zur Jugendweihe sitzen durfte. Nicht mehr als Kinder einer Klasse, sondern als erwachende Jugendliche.
Sein Aufbruch ins Leben.
„Kommt denn Julia?“, fragte er und war froh darüber, dass es heraus war.
„Ja, Martin, sie hat bereits zugesagt.“
Etwas in ihm begann zu schwingen. Wenn sie kommt, werde ich gehen, dachte er und hoffte, dass die Zeit schnell bis zum Klassentreffen verstrich.

Ob wir uns im Moment der Begegnung erkennen werden? Hatte sie überhaupt gemerkt, wie es mir damals erging? Sie hatte mein Herz berührt, hatte sie auch dessen Unruhe wahrgenommen?
Jetzt musste er lächeln, und da er gerade in seiner Bibliothek stand, nahm er wahllos einige Jugendbücher aus dem Regal, betrachtete die Einbände und stellte diejenigen, die einmal so wichtig für ihn waren, wieder zurück, auf dass sie die nächsten Jahrzehnte weiterhin unbenutzt herumstehen könnten. Oft hatte er mit Cristina Bücher getauscht.

Seine Wege führten ihn seit Jahr und Tag an ihrem Haus vorbei und schon immer sah er dann hinauf zum Fenster, hinter dem sie einst schlief. Vor ein paar Tagen blieb er an ihrer Haustür stehen, eine magische Kraft zog seine Hand zur Klinke und drückte sie herunter. Die Tür gab mit leisem Knarren nach, und er trat in den halbdunklen Hausflur.
Damals stand sie oben, erste Treppe, die Tür halb geöffnet: „Na, Martin, schon Hausaufgaben gemacht?“, rief sie. Betroffen zuckten seine Schultern. Warum war Julia nur immer so fleißig, so strebsam und so spöttisch. Stumm hielt er ihr das Buch „Das grüne Tor“ entgegen. Mit einer leichten Berührung seiner Finger nahm sie die Räuberliteratur, wobei ihre Augen spöttisch blitzten und zu sagen schienen: „Der Jahn Kuna, der möchtest du wohl gerne sein?“
„Ja“, hätte er schreien mögen, „der will ich sein und ich will dich rauben und mit dir die Welt umsegeln.“
Stattdessen brachte er nur mühsam heraus: „Dann mach‘s gut, ich gehe an meine Hausaufgaben.“
Ihr Lachen begleitete ihn zu jener Zeit bis vor die Tür.

Jetzt ging das Licht im alten Haus an. Eine Frau trat vor ihre Wohnungstür und noch bevor sie ihn fragen konnte, was er denn hier zu suchen hätte, war er mit Heinrich Heines: „Schöner Zauber, bist verflogen, schöner Ring du sprangst entzwei“ auf den Lippen, hinausgetreten, in den Alltag seines Lebens.
Am folgenden Abend durchforstete er nochmals das Regal seiner Jugendbücher und fand: „Weihnachten im Wilden Westen“ von Karl May. Das hatte er sich von ihr ausgeliehen und nicht zurückgegeben. Nun, für diese Rückgabe sollte das Klassentreffen genutzt werden.

Endlich war es soweit: Mit seinem Päckchen unter dem Arm betrat er die Gaststätte.
Hallo, hallo, Küsschen hier, Küsschen da und günstiger Wind:
Alle waren der Meinung, der Martin hätte sich nicht groß, von den Wunden der Zeit einmal abgesehen, verändert.
Nur – wo war Julia?
Wenig später stand sie in der Tür. Sein Herz klopfte wie früher, als er es nicht wagte, sie zu rauben, sie mitzunehmen, auf seine Reise durchs Leben.
Nun war es zu spät. Es war jedoch nicht zu spät, ihr heute alles zu sagen.
Julia stand in der Tür und mit ihr das Mädchen von damals, mit dem unnachahmlichen Lächeln in den klugen Augen.
Die Zeit verging, er konnte sein Päckchen nicht an die Frau bringen, denn die war ständig mit all den anderen, nur nicht mit ihm, beschäftigt.
Dann nehme ich mein Buch eben wieder mit, dachte er und ging, um seine Rechnung zu bezahlen. O, was hatte er ihr alles sagen wollen!
Nun begann er sich zu verabschieden und reichte letztlich auch ihr die Hand. Warum er schon gehen wolle, fragte sie. Meine alte Leier, mit dem zeitig Schlafengehen und dem zeitig Aufstehen, war schnell abgespult. Das sei schade, meinte sie bedauernd.
Das war echt, dachte er und plötzlich brach es heraus: „Julia, ich bin nur wegen dir gekommen. Ich wollte dich unbedingt wiedersehen.“ Fragende Augen waren die Antwort, und in diese hinein sagte er:
„Ja, weißt du nicht, dass keine andere als du mein Herz berührtest, als ich dabei war, die Schwelle zu überschreiten, die den Jungen vom Mann trennt? Und das hier“, er hielt ihr das Päckchen mit dem Buch entgegen, „habe ich dir mitgebracht, um dich daran zu erinnern.“
Sie war wie erstarrt. Und als Martin dann noch von seinem Erlebnis im Treppenhaus berichtete, kam sie heran, nahm ihn in ihre Arme und sagte:
„Martin, das hast du mir doch nie gesagt“, wobei er zu bemerken glaubte, dass eine Träne in ihren Augenwinkeln glitzerte.
Mehr als einige Augenblicke dauerte diese Umarmung. Sie hielt ihn, und er strich ihr mit seinen Händen zärtlich über ihren Rücken.
Ich glaube, in diesem verzauberten Moment waren sie das Mädchen und der Junge von damals, als das Leben noch vor ihnen lag.

Michael Nic

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