Der Brand des Baggers 56 

Die Jahre 1962 bis 1964 waren für den Tagebau Witznitz II ein besonders schwieriger Zeitraum, galt es doch, den westlich der Ortslage Kahnsdorf liegenden neuen Baufeldabschnitt, den Drehpunkt Kahnsdorf, vorzubereiten. Der Aufbau einer Schrägband-Kohleförderanlage mit Grabenbunker in der Grube sowie einer Verladung mit Reichsbahnanschluss auf der Rasensohle war für diesen Betrieb eine Neuerung und unterstrich die Bedeutung des Tagebaus für den gesamten Förderraum. Witznitz II wurde ab 1962/1963 über einen Hilfsdrehpunkt gefahren, der sich auf der Höhe der Ortslage Neukieritzsch befand. So konnten durch das veränderte Schwenkende, das nun im Bereich Kahnsdorf lag, die nötigen Böschungen hergestellt werden. Dadurch war es möglich, weiterhin Kohle zu fördern und gleichzeitig den Beginn der Bauarbeiten zu sichern. Alles verlief, und das war bekanntlich nicht nur in der DDR das Wichtigste, nach Plan. Im vorliegenden Fall war das so bis zu jenem Morgen des 09.02.1963. Es war ca. 05.15 Uhr. Eine eisige Winternacht hatte die Landschaft und die Geräte des Tagebaus mit einer dicken Raureifschicht überzogen, aus der nur die frischen Schnitte der Baggerschaufeln schwarz und dunstend abstachen. Die fünf Besatzungsmitglieder des Gerätes sehnten die Stunde der Ablösung herbei. Der Baggerfahrer Hubert K. hielt das Schaufelrad an und signalisierte dem Klappenschläger die Beendigung des Baggervorgangs. Franz M., der Klappenschläger, ließ sein Band leerlaufen, gab dem Abraumzug das Signal zur Abfahrt. Der E-Lokfahrer betätigte seine Signalhupe langer Ton – kurzer Ton und Sekunden später glitt der über den Wagen liegende Dunst aus dem Licht der Baggerscheinwerfer. Ein immer heller werdendes Klingeln der auf den Achsen liegenden Metallringe zeigte die zunehmende Geschwindigkeit der Zugeinheit an. Jetzt war nur der Ausleger in Richtung Gleis 1 zu verschwenken und es konnte der Kohlezug mit zwei gleichlangen Signaltönen aus der Hupe informiert werden, heranzufahren. Während des Zugwechsels drangen durch die klare Luft die Signale der anderen Bagger und die Geräusche der laufenden Produktion bis zu ihm ins Klappenschlägerhaus hinein. Kann Arbeit, können Arbeitsgeräusche ein Konzert ergeben? Wer jemals in einem Tagebau gearbeitet hat, wird diese Frage sicher mit Ja beantworten wollen. Ein Arbeitskonzert mit Harmonien, mit Dissonanzen, mit bedeutungsvollen Pausen, gewichtigen Auftakten und aus schwingenden Abklängen in glasklarer frostiger Nacht. Alle Handgriffe erledigte Franz wie von selbst und in Gedanken sah er sich in diesem Moment bereits unter der heißen Dusche stehen. Auch die Schärfe des durch seine Kehle rinnenden und sich als wohlige Wärme in seinem Körper ausbreitenden „Kumpeltots“ (Bezeichnung für Bergmannsschnaps), den er auf jeden Fall noch vor dem Duschen trinken wollte, spürte er. Bei dieser Kälte würde er zu seiner Emmi, sollte diese schimpfen, beim Nachhausekommen entschuldigend sagen … Na ja, bis dahin würde es noch eine Weile dauern. In der Zwischenzeit war der Kohlezug herangefahren und Franz gab dem E-Lokfahrer durch drei kurze Huptöne zu verstehen, dass die Position für den Füllvorgang erreicht sei. Aus der E-Lok traten die Männer der Frühschicht um den jungen Baggerfahrer Thilo Müller. Sie grüßten knapp herauf zu seiner Kanzel und verteilten sich mit schnellen Schritten, die Köpfe tief zwischen den Schultern eingezogenen, auf ihre Posten. In den trockenen und frostfreien Monaten des Jahres genügten meistens wenige Minuten für eine Übergabe des Gerätes, nach der es die abzulösende Besatzung verlassen konnte, aber es war ja Winter und da wussten alle, dass noch der Trichter des Radbandes ausgehackt werden musste, ließ doch der Frost das bergfeuchte Baggergut schnell an den kalten Blechen anbacken. Die Säuberung des Trichters war eine schwierige und vor allen Dingen kräftezehrende Arbeit, aber sie waren Bergleute und deshalb machten sie sich sofort und gemeinsam an die Arbeit. Im Licht der Scheinwerfer begannen sie, eingeteilt in Dreiergruppen, mit Hacken und Brecheisen den gefrorenen Boden zu entfernen, indem sie ihn wie aus einer Wand herausbrachen und auf dem Radband Meter um Meter abfuhren. Bald vermengten sich Körperwärme und Atemluft mit dem eisigen Dunst des Morgens und stiegen auf wie eine feine Wolke, schwebten über dem Schaufelrad und waberten in die noch herrschende Dunkelheit. Erwin H., der Bandwärter der Frühschicht entfernte sich, nachdem er kurz abgelöst wurde und ging in seine hölzerne Wärterbude. Dass er nach kurzer Zeit ohne Wattejacke wiederkam, fiel keinem auf, warum auch. Es war doch alltäglich. Unter Scherzen und Zurufen ging die Arbeit zügig ihrem Ende entgegen und die ersten Mitglieder der abgelösten Nachtschicht wollten bereits gehen, da rief Eduard Timm, der Geräteelektriker der Nachtschicht: „Feuer, die Wärterbude brennt!“ Sichtbar schon leckten Flammen am Holz der Verkleidung. In dieser Situation reagierten die Kumpel wie im Training. Jeder kannte seine Aufgabe und stürmte zu den Stellen, an denen die Feuerlöscher bereitlagen, um sie einzusetzen. Thilo M., er befand sich zu dieser Zeit in der Baggerfahrerkanzel, nahm Kontakt mit dem Tagebaudispatcher auf, schilderte die Situation und bat um Hilfe. Die wurde in Aussicht gestellt und sofort eingeleitet. Doch bis der Löschzug am Gerät sein würde, war die Besatzung nur auf sich angewiesen, mussten sie sich selber helfen. Schnell zeigte es sich aber, dass es den Kumpeln im ersten Einsatz nicht gelingen würde, die Flammen, die sich rasch in Richtung Hauptkabelkanal ausbreiteten, zu löschen. Wie im Kampf formierten sie sich die Männer neu und griffen jetzt die Flammen im Aufenthaltsraum an. Zwei Kollegen beobachteten den Kabelkanal, der, wenn erst Feuer in ihm war, wie ein Schornstein wirken würde. Inzwischen hatte der am Bagger stehende Kohlezug auf Anweisung des Dispatchers das Gleis freigemacht und der Löschzug des Tagebaus, der schon im Anrollen war, konnte ungehindert möglichst nah an das Gerät gefahren werden. Hilfe nahte auch aus anderer Richtung, sie kam von anderen Gerätebesatzungen. Die Kollegen nahten mit Feuerlöschern und Kübelspritzen, bereit, ihre Kumpel im Kampf gegen die Glut zu unterstützen. Eine Wolke stechenden Geruchs legte sich über das Gerät und zog sich ausbreitend über die Arbeitsebene. Sie trug den Geruch des Unglücks in sich, brennendes Gummi, schwelende Plaste, schmorende Farbe und glühendes Eisen waren ihre Ingredienzien. Die Frauen und Männer indessen schützten sich mit feuchten Tüchern vor diesem betäubenden Rauch, der die Bewegungsfähigkeit der Baggerbesatzung mehr und mehr behinderte. Einen Moment bestimmte Ratlosigkeit die Situation, die Kabelummantelungen drohten in den Bereich der Flammen zu geraten. Die Gefahr erreichte ihren Höhepunkt und würde sich zur Katastrophe ausweiten, die den totalen Ausfall, ja die Zerstörung des Gerätes, herbeiführen würde. Wir müssen den Radausleger aus dem unmittelbaren Brandbereich der Wärterbude herausschwenken, nur so kann das Inferno vermieden werden, schrie Hubert seinem Ablöser ins Ohr. Der nickte, hatte sofort verstanden. Sie mussten zurück in die Baggerfahrerkanzel. Schnell entschlossen handelten die beiden. Sie stürmten mit ihren in Lauge getränkten Wattejacken über den Köpfen los und durchbrachen den Feuervorhang. Thilo blieb am Endschalter des Radauslegers stehen, um diesen zu überbrücken, und Hubert schwenkte den Radausleger in die weitest mögliche Endstellung. Der Kabelkanal war für den Moment außer Gefahr. Ein kleiner Sieg! In einem weiteren Angriff entrissen die Männer den Flammen alles, was diesen zur Nahrung werden könnte. In halsbrecherischer Fahrt war in der Zwischenzeit der Löschzug eingefahren. Die Männer der Feuerwehr übernahmen die Regie und schon wenige Augenblicke später ergoss sich Schwall um Schwall Feuer verzehrender Schaum über die erhitzten Kabelummantelungen. Diesem Angriff hatten die Flammen nichts mehr entgegenzusetzen. Während der Brand mehr und mehr eingedämmt wurde, breitete sich unter den Frauen und Männern der Besatzung eine gewisse Erleichterung aus. Wie viel Zeit war vergangen? Keiner hatte auf die Uhr gesehen. Waren es Stunden, waren es Minuten? Egal der Bagger, ihr Arbeitsplatz, war gerettet und stach mit seinem jetzt von rußgeschwärztem Gitterwerk wie ein dem Flöz entwachsenes Ungeheuer vom Weiß der Umgebung ab. 20 Minuten Kampf um ihr Gerät, um ihre Existenz hatten gezeigt, welche Leistungen Menschen vollbringen können. Ihre Kameradschaft hatte sich bewährt! Die negative Folge: Stillstand des Gerätes über einen Zeitraum von vier Monaten reichte weit darüber hinaus. So kam es zu einem Auflaufen der Bagger 26 8ERs 560 (Tiefschnitt) auf den Bagger 56 SRs 800 (Hochschnitt). Daraus folgte ein Ausfall der Brikettierkohle für die umliegenden Brikettfabriken. Während dieser Ausfall durch Zufuhren aus anderen Tagebauen ausgeglichen werden konnte, waren die Auswirkungen auf das Investitionsgeschehen der Umstellung auf den Drehpunkt Kahnsdorf schwerwiegender. So kam es zu einer einjährigen Verzögerung der Inbetriebnahme der neuen Anlagen, der modernen Gleisbildstellwerke, der stationären Gleisanlagen und nicht zuletzt der Kohleschrägbandanlage.

 

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